Kirgisische Hochzeit in Afghanistan





Wie alles begann.



Die Einladung zu einer kirgisischen Hochzeit in einer kleinen abgeschiedenen Jurtensiedlung in Afghanistan sollte so zum Grundstein für die nächste noch viel größere Reise zu Hochzeiten rund um den Globus werden. Gekürzte Textauszüge aus Seisenbachers aktuellsten Buchpublikation Im Pamir.





Es rattert. Die Braut Bakhtigul und ihre gleichaltrige Schwester Gulnura haben alle Hände voll zu tun. Vor ihnen stehen zwei alte Nähmaschinen. Immer schneller kurbeln die Schwestern. Sie säumen die ausgefransten Stoffe, die unter den Nähnadeln eingespannt sind. Wollen sie noch heute Abend fertig werden, müssen sie sich ranhalten. Da reißt sie ihre Mutter aus ihrem Arbeitseifer. Sie setzt sich zu ihnen, fährt mit ihren Fingern die soeben angefertigte Naht entlang und erklärt ihren Töchtern, dass sie achtsamer sein müssten. Während sie den Stoff zurechtlegt und selbst zu nähen beginnt, schauen ihre Töchter konzentriert zu. Gulnura zieht die zweite Nähmaschine näher an sich heran. Bakhtigul holt aus dem Fundus hinter ihr einen anderen Stoff hervor und breitet ihn aus. Plötzlich ein Lächeln. Für einen Moment weicht die Anspannung aus ihrem Gesicht.


Eine geeignete Partie zu finden, stellt die Eltern vor eine Herausforderung. Nur kirgisische Männer und Frauen kommen in Frage und beide Eheleute sollten den gleichen sozialen Status haben. Die Tochter eines Viehbesitzers mit einem einfachen Schäfer verheiraten? Undenkbar. Gleichzeitig musste sichergestellt werden, dass keine nahen Verwandtschaftsverhältnisse vorliegen. In der Vergangenheit war es üblich mithilfe der Zeremonie jeti ata, „sieben Vorfahren“, eine Entscheidung zu treffen. Dabei wurden die Namen aller Vorfahren laut vorgelesen. Bei einer Übereinstimmung konnte keine Vermählung stattfinden. Die kirgisische Bevölkerung heute ist aber zu klein, um bei jeder Eheschließung Verwandtschaftsverhältnisse bis auf die siebte Generation zurück auszuschließen. Heute reicht es, wenn die Kinder nicht eng miteinander verwandt sind.


Wo gestern noch genäht wurde, wird heute fleißig gekocht. Ein Feuer fackelt in der Mitte der Jurte. In den Kochkesseln befinden sich Fleisch, Milch und Tee. Die vielen Frauen haben alle Hände voll zu tun. Während die männlichen Hochzeitsgäste draußen zusammensitzen und über das bevorstehende Reiterspiel quatschen, kochen ein Dutzend Frauen für die rund 100 weiblichen und männlichen Gäste. Die „Koch-Jurte“ bietet nicht viel Platz. Überall steht Geschirr herum und immer wieder schlüpfen Kinder an den Frauen vorbei, wenn sie nicht am Rücken ihrer Mütter geschaukelt werden. Jeder Handgriff sitzt. Eine kümmert sich mit einer Eisenzange um die Glut des Feuers. Die neben ihr rührt im Kochtopf. Die andere schnappt sich die vielen Teetassen und wäscht sie aus. Die nächste bricht ein Stück vom Salzstein ab und gibt es dem kochenden Fleisch hinzu. Niemand steht sich im Weg. Alle sind trotz des Wirbels gelassen. Das Treiben hier drinnen. Es ist kein buntes Chaos, sondern vielmehr perfekte Teamarbeit.





Jurtenwechsel. Das zweite Heim der Brautfamilie ist geräumiger. Notwendigerweise. Über dreißig Frauen und Kinder schwirren durch die Jurte auf der Suche nach einem Sitzplatz. Ein paar Frauen winken mich zu sich. Sie haben mir einen Platz freigehalten. Mein Blick schweift durch die Jurte. So viele bekannte Gesichter, die mich anlächeln. Im Schnelldurchlauf ziehen die vielen Begegnungen der vergangenen Tage vor meinem geistigen Auge vorbei. Hier die Frau mit dem Baby in der Wiege, da das Kind mit dem Brüderchen auf dem Rücken, dort eine meiner Gastgeberin, die am allerersten Tag Kattama für mich zubereitet hat. Alle sind sie hier.


Als ein Hochzeitsgast von vielen lasse ich mich treiben und verschwinde in der herumwirbelnden Masse. Esstücher werden ausgebreitet. Boorsok wird darauf verteilt. Jede bekommt eine Tasse Tee in die Hand gedrückt. Ich frage mich, wo eigentlich die Braut ist. Schon werden die Esstücher samt der Teigtaschen zusammengepackt und wieder weggetragen. Die Mutter der Braut wirft einen weißen schimmernden Stoff in unsere Mitte. Die anderen Frauen breiten ihn aus. Eine nahe Verwandte der Braut rüttelt an einem kleinen Sack und schüttelt seinen Inhalt aus. Nähgarn in verschiedenen Rottönen. Daneben Teller mit Ringen, Süßigkeiten, Salzsteinen und Seifen. Zeit für die Hochzeitsgeschenke. Beschenkt werden aber die Gäste, nicht die Braut, von der immer noch keine Spur zu sehen ist. Für jede Frau ist ein Ring, eine Seife, ein Salzstein und Süßes vorgesehen. Nur vom Garn gibt es zu wenig für alle. Die von Hand zu Hand gereichten Teller kommen zu mir. Ich zögere. Darf ich denn auch? Oder soll ich sogar? „Nimm, nimm!“, höre ich von der Seite.


Meine Zweifel sind unbegründet. Für den heutigen Tag bin ich Teil dieser Hochzeitsgesellschaft wie jede andere auch.

„Der ist doch schön“, meint die Frau neben mir und steckt mir einen der Ringe an meinen Finger, „und er passt“.


Während die Frauen rund um mich an ihren Bonbons kauen, wird schon wieder alles zusammengepackt. Kommt jetzt die Braut, frage ich mich? Ist sie nicht der Mittelpunkt des Geschehens heute? Wo ist überhaupt der Bräutigam?


Erneut werden die Esstücher mit den Teigtaschen von vorhin ausgebreitet. Eine zweite Runde Tee also. Zu dem Zeitpunkt ist mir noch nicht klar, dass auch noch eine dritte, vierte und fünfte folgen wird. „Baz!“, sage ich und stütze meine Fingerkuppen auf die soeben geleerte Tasse vor mir. So hatte ich das die letzten Tage über von den Kirgisen und Kirgisinnen gelernt. Eine Tasse Tee wäre vorerst wirklich genug, bin ich überzeugt. Die Kirgisin vor mir ist anderer Meinung. Eine zweite wenigstens noch. Und etwas Boorsok solle ich mir auch noch nehmen.


Wir gehen raus. Alle von uns. Auf einmal. Was für ein Gewirr von weißen Schleiern. Dazwischen lugen wuschelige Kinderköpfe hervor. Ein paar rote Schleier mischen sich darunter. Auf einer ausgebreiteten Plane sollen alle Platz nehmen. Wie vorhin, nur eben vor der Jurte. Zwei Frauen gehen mit Tabletts durch die Reihen. Die zweite Runde Süßes also. Nicht die letzte an diesem Tag. Ich nehme nur eines der in Plastik verpackten Bonbons. Die Kirgisin vor mir blickt mich an, lächelnd, aber auch verwundert. Die nächste Hand greift sich gleich ein Dutzend der Süßigkeiten. Sie gehört der älteren Frau zu meiner Rechten, die genüsslich an ihrer Zigarette zieht.



Auf der anderen Seite des Tals jenseits des Flusses wirbelt Staub auf. Etliche Reiter haben mit ihren Pferden ihre Position eingenommen und warten auf den Startpfiff. Es ist also so weit. Buzkashi. Das Reiterspiel, bei dem Bazir Khan vom Pferd gefallen und sich die Narbe zugezogen hat. In wenigen Minuten schon geht es um alles oder nichts. Jeder Kirgise, der bei Kräften ist und etwas auf sich hält, nimmt daran teil. Veranstaltet wird dieses Spiel nur zu besonderen Anlässen. Die Begeisterung über den bevorstehenden Wettkampf war den Männern schon seit heute Morgen deutlich anzumerken. Als wäre für viele das Spiel der eigentliche Höhepunkt des heutigen Tages. Plötzlich nehmen die ersten Reiter reiß aus und ziehen in Kreisen über das Spielfeld. Sie sind für mich aber nur als kleine Punkte erkennbar. Als Teil der weiblichen Hochzeitsgesellschaft bin ich abgeschirmt von dem Geschehen dort drüben. Dabei sind auch die Kirgisinnen interessiert daran, wie sich ihre Söhne, Brüder und Ehemänner schlagen. Eine ältere Frau kramt einen Gucker hervor, der nun von Hand zu Hand gereicht wird. Dass sie selbst das Spiel aus der Nähe mitverfolgen, ist nicht vorgesehen. Buzkashi bleibt Männersache.





Das Spielfeld ist nicht genau abgegrenzt. Eine Gruppe von Zuschauern sammelt sich um ein steinernes Plateau in der Mitte. Rundherum reiten die Teilnehmer, als ob es keinen Morgen gäbe. Der Mob an Pferden bewegt sich unvorhersehbar in alle möglichen Richtungen. Ich muss trotzdem zu den anderen in die Mitte des Spielfeldes. Jetzt heißt es, nicht unter die Hufe geraten. Ich renne über die Ebene. Hinter mir schnellt einer der Reiter mit schmerzverzerrtem Gesicht vorbei. Zwischen seinen Zähnen die schwere Reiterpeitsche eingeklemmt, hält er in der einen Hand die Zügel seines Pferdes und in der anderen die buz, die Ziege. Oder vielmehr den leblosen geköpften Körper davon. Wörtlich übersetzt heißt Buzkashi nichts anderes als „Ziegengreifen“. Die buz muss in den „Kreis der Gerechtigkeit“ geworfen werden. Erst dann ist das Spiel gewonnen.


Die anderen Reiter sind ihrem Konkurrenten dicht auf den Fersen. Schon holen sie ihn ein. Der schwarzweiß gefleckte Ziegenkörper fällt zu Boden. Das Kampfgetümmel beginnt. Alle stürzen sich auf die buz und versuchen die anderen ohne Rücksicht auf Verluste wegzudrängen. Die Pferde blähen ihre Nüstern und reißen ihre Augen weit auf. Sie schlagen ihre Köpfe hin und her. Wüstes Geschrei. Peitschenknallen. Wer jetzt am Rande des Mobs steht, versucht in das Innere vorzudringen. Ist die buz erstmal in Reichweite, ist besonderer Einsatz gefragt. Ein Reiter versucht sein Glück. Volles Risiko. Jetzt oder nie. Er sitzt nicht auf, sondern hängt vielmehr seitlich am Pferd. Während er sich mit dem einen Arm am Pferdehals krallt, greift er mit dem anderen auf den Boden. Geschafft. Er hält den Triumph in seiner Hand. Nun wieder zurück in den Sattel. Leichter gesagt, als getan. Es bleibt keine Zeit. Der Mob bewegt sich unablässig. Er versucht sich irgendwie am Pferd zu halten. Schafft er das nicht, würde er unter dem Getrampel der vielen Hufe zumindest schwer verletzt werden. Die buz loslassen, um sich selbst nicht in Lebensgefahr zu bringen? Undenkbar.


Er verliert den Boden unter den Füßen. So rasant reitet sein Pferd hinweg. Das Ziel ist nah. Dann aber. Ein Konkurrent nähert sich von der Seite und bedrängt ihn. Die buz entgleitet dem siegessicheren Reiter. Rutscht ihm einfach durch seine Finger. Der mutige Kampfeinsatz von vorhin. Er war umsonst. Schon werden die Karten neu gemischt. Ein anderer Reiter ergreift seine Chance und reißt den Ziegenkörper in die Höhe. Nichts und niemand hält ihn mehr auf. In Windeseile steuert er auf das Ziel hinzu. Und schon wirft er die buz in den „Kreis der Gerechtigkeit“. Die Zuschauer schreien sich die Seele aus dem Leib. Die Schlacht ist geschlagen. Der Sieger steht fest. Tosender Jubel empfängt ihn, als er zurückkehrt. Mit einem Mal scheint die ganze Last von ihm abzufallen. Erschöpft gleitet er vom Pferd.


Als ich abermals in die Jurte der Brautfamilie eintrete, befestigen zwei Frauen einen riesigen roten Stoff an zwei Holzstangen der Jurtenkuppel. Der kleine abgeschirmte Bereich dahinter. Die Braut säße dort, verrät man mir. Wieder haben sich alle Frauen in der Jurte versammelt und trinken Tee. Der einzige Unterschied zu vorhin ist, dass ihnen jetzt etwas weniger Platz zur Verfügung steht. Die von fremden Blicken geschützte Braut.



Zwischen den Teerunden vertreten sich die Kirgisinnen immer wieder die Beine. Dann leert sich die Jurte. Nur enge Angehörige der Brautfamilie bleiben. Von Zeit zu Zeit schlüpfen Bakhtiguls Cousinen hinter den Vorhang. Auch wenn sie dabei den Stoff etwas zur Seite schieben. Meine Gastgeberin stupst mich an und heißt mir, ich solle doch zur Braut hinter den Vorhang gehen. Ich bin überrascht. Darf ich denn so mir nichts dir nichts in diesen intimen Bereich vordringen, der die ganze Zeit über nur engen Verwandten vorbehalten ist? Die Mutter der Braut nickt und lächelt dabei. Nun gut. Ich gehe nach hinten. Halte vor dem Vorhang inne. Strecke meinen Kopf nach vor und werfe meinen ersten Blick hinter diese Schutzwand aus Stoff.





Bakhtigul erschrickt. Hüllt sich vollständig in einer schweren Decke ein. Verbirgt ihr Gesicht und ihren Blick. Jedes Mal, wenn sich der Vorhang hebt, macht sie das. Aus Angst jemand Fremder könnte sie sehen. Bakhtiguls Cousinen sitzen dicht an ihrer Seite. Sie sind noch kleine Mädchen und wetzen ungeduldig hin und her. Immer wieder schlüpfen sie nach draußen. Die gleichaltrige Schwester aber: Gulnura weicht nie von Bakhtiguls Seite. Ich darf mich zu ihnen setzen. Ihre Schwester ermutigt die Braut, die schwere Decke abzustreifen. Eigentlich ist es halb Decke halb Mantel. Ich erkenne Ärmel und angenähte Knöpfe.


Der schwere Stoff fällt. Erst jetzt sehe ich die vielen Ketten um Bakhtiguls Hals und ihr mit Pailletten übersätes rotes Kleid. Ihr Brautkleid unterscheidet sich im Grunde nicht von der Alltagskleidung der kirgisischen Frauen. Noch trägt sie einen roten Schleier mit weißen Tupfen. Als verheiratete Frau wird morgen schon ein weißer Schleier ihren Kopf zieren.


Die Schwester reicht Bakhtigul Tee und Brot. Noch bevor die Braut zum ersten Schluck ansetzt, wirft sie die Decke wieder über. Nur zur Sicherheit. Bakhtigul stellt die leere Tasse hin. Plötzlich ein Geräusch vor dem Vorhang. Sofort zieht die Braut die Decke vor ihrem Gesicht zu. Eine Kirgisin tritt mit ihrem Baby herein. Sie legt sich samt Kind vor die Braut hin und entblößt ihre Brust, um ihre Tochter zu stillen.


Plötzlich kommt Bewegung in die Sache. Zwei Frauen machen den Vorhang von den Holzstangen los. Aber. Er fällt nicht. Zumindest nicht zu Boden. Sondern vielmehr auf die Braut drauf. Die Stoffmassen hüllen nicht nur die Braut, sondern auch ihre Schwester und eine ihrer Cousinen ein. Ohne etwas zu sehen, werden sie zu dritt aus der Jurte geführt. Ganz langsam trippeln sie nach draußen. Vor der Jurte ein ausgebreiteter Teppich. Sie nehmen Platz. Plötzlich nähern sich eine Handvoll Männer. Es ist das erste Mal an diesem Tag, dass Frauen und Männer aufeinandertreffen. Der junge Mann auf dem Pferd. Es ist der Bräutigam. In der Hand hält er einen Teller voller Bonbons. Direkt vor der Jurte macht er halt. Steigt nicht vom Pferd, sondern beginnt zu singen. Ich blicke in das Gesicht des Mannes. Khalmohamad heißt er. Er ist offensichtlich älter als seine Braut, aber immer noch jung. Auch er wirkt angespannt.


Die Familie des Bräutigams musste tief in die Tasche greifen, um die Eheschließung zu ermöglichen. Den Brautpreis, Kalyng, von hundert Schafen kann bei weitem nicht jede Familie stemmen. Manchmal einigen sich die Eltern der Brautleute darauf, dass der Mann mehrere Jahre bei den Schwiegereltern arbeitet, ohne dafür entlohnt zu werden. Oder der Kalyng entfällt, weil die Familie der Braut dafür auch einen Sohn mit einer Tochter der Bräutigamsfamilie verheiratet. Trotzdem ist nicht ausgeschlossen, dass manche Männer niemals heiraten können. Khalmohamad hatte also Glück. Seine Eltern konnten den Brautpreis aufbringen.


Vier Kirgisinnen ergreifen die Ecken des Stoffes und reißen den Vorhang in die Höhe. Darunter sitzen eng aneinander geschmiegt die drei jungen Frauen. Sie stecken die Köpfe zusammen. Von der Braut ist auch jetzt nichts zu sehen. Der Vorhangstoff senkt sich, um gleich darauf wieder nach oben zu fliegen. Immer noch singend wirft der Bräutigam die Bonbons in die Richtung seiner Zukünftigen. Die umstehenden Kinder hüpfen herum und versuchen die Süßigkeiten zu fangen. Nach wenigen Minuten ist alles vorbei. Das Lied ist zu Ende. Der Vorhang hebt und senkt sich zum letzten Mal. Die Männer ziehen samt Bräutigam hinfort. Wieder eingehüllt in den Vorhang weisen zwei der Frauen die Braut in den hinteren Teil der Jurte zurück. Bakhtigul und Khalmohamad - fortan sind sie vermählt.


Priska Seisenbacher